Für DAX-Vorstände und Aufsichtsräte wird der Gegenwind rauer - und er kommt von jenseits des Atlantiks

New York Stock Exchange
New York Stock Exchange

Die Hauptversammlungssaison 2019 war schon turbulent. Vorständen und Aufsichtsräten der DAX-Unternehmen blies teils eiskalter Wind ins Gesicht – und der kam von der anderen Seite des Atlantiks. Professionelle, proaktive Investoren zeigen deutschen Vorständen und Aufsichtsräten immer unverhohlener, was sie von der Corporate Governance in Deutschland halten: nicht viel.

Und wer am längeren Hebel sitzt, davon durfte sich Bayer-Vorstandsvorsitzender Baumann erst kürzlich überzeugen:

Auf die Frage, ob er mit dem bei Bayer engagierten aktivistischen Hedgefonds Elliott mal gesprochen habe, erwiderte er, dass der Freund seiner Tochter so hieße, mit dem habe er in der Tat gesprochen. Die Quittung kam dann kurze Zeit später auf der Hauptversammlung: Vertrauensentzug.
Damit bildet Baumann's Schicksal zwar den Anfang in Deutschland, aber er steht nicht alleine da. In der Schweiz bei der UBS traf es die Führungsgremien ebenso und bei ABB trat der Vorstandschef noch vor der Hauptversammlung (HV) zurück. Für die Vorstände und Aufsichtsräte der Deutschen Bank oder von Volkswagen sind HV's auch nicht mehr vergnügungssteuerpflichtig. Die Zeiten, in denen umtriebige Renter ihre Vormittage in Messesälen verbrachten und auf ein warmes Buffet warteten, sind - zum Glück - vorbei.

Leider weigern sich viele Aufsichtsräte in Deutschland immer noch, sich regelmäßig mit Investoren auszutauschen, oder sie tun dies zumindest nur widerwillig; von einer Umsetzung - oder zumindest kritischen Würdigung - des Inputs einmal ganz abgesehen. Dabei empfiehlt der Deutsche Corporate Governance Kodex (DCGK) dies sogar in Ziff. 5.2 ausdrücklich, denn schließlich ist der Aufsichtsrat der von den Unternehmenseignern gewählte Berater und Kontrolleur des Vorstands (§ 111 AktG).

Was wir neuerdings vermehrt beobachten können, ist nichts weniger als eine gigantische Welle, die aus den USA herüberschwappt. Dort geraten die aktiv gemanagten Fonds zunehmend unter Druck zu performen, seit die günstigeren Indexfonds große Marktanteile erobert haben. Jüngstes Beispiel ist die öffentliche Ablehnung Wellington’s betreffend die Bristol-Myers / Celgene Transaktion. Das war selbst für den US-Markt neu und wird auch in Deutschland weitreichende Folgen haben, denn die Mehrheit des DAX gehört ausländischen Investoren, zur Zeit etwa 54 % aller Aktien, Tendenz steigend. Demgegenüber verfügen die passiven Fonds gar nicht über genügend Personal, um alle Investments screenen zu können. Sie verlassen sich zunehmend auf die Empfehlungen sog. Proxy Advisors wie Institutional Shareholder Services oder Glass Lewis. Und die haben einen nicht minder stringenten Antritt als die Fondsinvestoren, allen voran Elliott (die gerne Briefe schreiben, aber ungern welche bekommen).

Diese Player haben nicht nur Einfluss, sondern beklagen schon seit längerer Zeit (und nicht ganz zu Unrecht) Governancedefizite in Deutschland. Das Kernproblem besteht hierzulande in der historischen Nähe zwischen Aufsichtsrat und Vorstand, die trotz Aktiengesetz und DCGK immer noch, wenn auch in geringerem Maße, besteht.

Mutmaßlich bis jetzt, denn die - jetzt schon einflussreichen - aktiven Investoren tauschen sich zunehmend aus und organisieren sich, um ihren Einfluss weiter zu vergrößern.
Die Reaktion in Deutschland auf diese Entwicklung ist hingegen eher träge; die Hauptverhandlungssaison 2020 wird daher umso turbolenter werden und der Rechtfertigungsdruck von Vorstand und Aufsichtsrat gegenüber ihren Aktionären wird weiter zunehmen, ebenso wie die Quote verweigerter Entlastungen.

Es stellt sich daher die Frage, ob das im Ergebnis gut oder schlecht ist. Ewig werden sich die Gremien der DAX-Unternehmen sowieso nicht gegen den Trend der engen Einbindung aktiver Investoren verweigern können. Viele dieser Investoren sind zwar auch langfristig orientiert, wollen aber trotzdem Fortschritte bei den deutschen Bluechips sehen, denn im Vergleich zur internationalen Konkurrenz sind unsere Unternehmen im Schnitt vergleichsweise wenig wert. Es bleibt daher zu hoffen, dass wir nicht in Zeiten zurückfallen, in denen der Shareholder Value wieder allein im Vordergrund steht...


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