„Fake in Germany“? – Nicht die Unternehmen sind das Problem, sondern die Einstellung der Bürger

„Made in Germany“ steht für Ehrlichkeit, Fleiß, Effizienz und Gründlichkeit. Nach dem Dieseldesaster und dem Zusammenbruch von Wirecard mehren sich jetzt die Stimmen, die Deutschland als (internationalen) Wirtschaftsstandort in Gefahr wähnen. Aber nicht die Unternehmen sind das Problem, sondern das nachhaltig mangelnde Vertrauen der Bürger in ihre eigene Wirtschaft. Das ist aber weder neu, noch kann es langfristig gutgehen.

Die bundesdeutsche Wirtschaft verfügte seit dem Wirtschaftswunder über stabilisierende Faktoren, große Konzerne als Eckpfeiler unseres Wohlstands: die Automobilriesen Volkswagen, Daimler, BMW, aber auch die Lufthansa, Siemens, ThyssenKrupp, die Deutsche Bank und viele andere waren weltweite Botschafter der Marke „Made in Germany“.

Die deutschen Scheinriesen

Es ist schmerzhaft es sich einzugestehen, aber heute sind diese Unternehmen längst keine strahlenden Aushängeschilder heimischer Schaffenskraft mehr. Daimler, BMW und Volkswagen hinken bei der Elektromobilität – möglicherweise sogar uneinholbar – zurück und schleppen zusätzlich die Dieselhypothek mit sich herum. Die Lufthansa konnte kurzfristig nur durch ein milliardenschweres Engagement des Steuerzahlers vor der Insolvenz bewahrt werden und musste den DAX verlassen. Siemens wird bald in so viele Einzelteile zerlegt sein, dass sich emotional nur noch schwer von einem zusammengehörigen Unternehmen sprechen lässt. Bei ThyssenKrupp soll es inzwischen „keine Denkverbote“ mehr geben, bei der Frage, wie man sich noch überlebensfähig aufstellen kann. Und auf der Wikipedia-Seite der Deutschen Bank nimmt die Rubrik „Öffentliche Wahrnehmung, Kritik und Kontroversen“ gar 24 unterschiedliche Kapitel samt Unterkapiteln ein. Die Misere dieser – nur beispielhaft ausgewählten – Wirtschaftsgrößen spiegelt sich gleichsam in ihrer Marktkapitalisierung wider, die sogar kumuliert nur rund 265 Milliarden Euro beträgt. In der Liste der größten U.S.-Unternehmen wäre das lediglich Platz 10; DAX-Riese Siemens allein würde es gar nur knapp unter die U.S.-Top 100 schaffen, vom globalen Vergleich ganz abgesehen.

Unerfreuliche Ursachenforschung

Über die Ursachen des eingetretenen und weiter zunehmenden internationalen Bedeutungsverlusts der deutschen Wirtschaftsstandorts lässt sich vortrefflich streiten. Sicherlich gehört zur Wahrheit, dass Informationshochtechnologie und das Industrieland Deutschland bislang – außerhalb von SAP – nicht im signifikanten Maße zueinander gefunden haben. Auch hat der Dieselskandal nicht zum Wirtschaftswachstum beigetragen, oder die Bilanzmanipulation von Wirecard den Wunsch der (deutschen) Anleger nach weiteren Aktieninvestments geweckt. Aber weder stehen Dieselthematik und Wirecard repräsentativ für die heimische Wirtschaft, noch sind sie eine Ursache für den fortwährenden Abstieg unseres Wirtschaftsstandorts. Im Gegenteil, solche Fälle kamen mit statistischer Vorhersagbarkeit immer wieder vor – und werden dies auch in Zukunft tun – in Deutschland, Europa und weltweit. Bei so großen und komplexen Wirtschaftssystemen wäre eine andere Annahme geradezu realitätsfremd. Die Auslöser jedoch, die zu der prekären Lage der Unternehmen auf dem deutschen Kapitalmarkt geführt haben, waren schon längere Zeit erkennbar. Es ist zwar einfach, dem Top-Management vorzuwerfen, nicht weitsichtig genug agiert zu haben, oder den Aufsichtsgremien, die Geschäftsmodelle nicht kritisch genug zu hinterfragen. Das eigentliche Problem reicht allerdings tiefer. Es geht zurück an den Anfang vom Ende der global bedeutsamen deutschen Wirtschaft. Zurück zur Abwicklung der „Deutschland AG“ in den 1990er Jahren, dem Netz der gegenseitigen Unternehmensbeteiligungen und Aufsichtsratsmandate, das von Ökonomen verurteilt wurde, aber unter dem gleichzeitig die deutsche Nachkriegswirtschaft zu einer der stärksten und innovativsten der Welt herangereift ist. Durch den Druck der internationalen Kapitalmärkte in die weitgehende Entflechtung reguliert, sind unsere „Global Player“ sukzessive unter die Räder der riesigen Finanzplätze in den USA, Großbritannien und Asien geraten – was sich eben am deutlichsten an der Marktkapitalisierung ablesen lässt.

Mangelndes Vertrauen

Die Entflechtung der „Deutschland AG“ war aber grundsätzlich keine schlechte Idee, denn das „Rheinischen Kapitalismusmodell“ plagte sich mit systemimmanenten Ineffizienzen und Interessenkonflikten. Wie so oft vergaß man jedoch bei der Deregulierung den „Faktor Mensch“ – denn eine auf internationaler Ebene den freien Marktgesetzen ausgesetzte Volkswirtschaft bedarf eines besonders stabilisierenden Faktors: dem Vertrauen und der Wertschätzung der eigenen Bevölkerung. Und daran mangelt es in Deutschland seit langem und in besonderer Weise. Die Suche nach den Gründen hierfür füllt Bücher. Das es aber so ist, zeigt sich schon an der dramatisch niedrigen Quote der deutschen Privataktionäre (rund 15 %). Für U.S.-amerikanische Verhältnisse, wo rund 60 % der Haushalte Aktien besitzen und sogar für die eigene Altersvorsorge einsetzen, ein mehr als deutliches Misstrauensvotum in Richtung unserer Wirtschaft – und das seit Jahrzehnten. Das tragische daran ist, dass gerade Vertrauen und Wertschätzung der jeweils heimischen Wirtschaft im Ausland die Größe und den Einfluss der konkurrierenden Finanzplätze ausmachen. Natürlich lässt sich lange diskutieren, ob ein junges Unternehmen, ausgestattet nur mit einer Idee und riesigen Verlusten wirklich genauso viel oder gar noch sehr viel mehr wert sein kann als ein hundert Jahre altes Industrieunternehmen mit moderater Profitabilität und hartem Anlagevermögen. Die Antwort hat der internationale Kapitalmarkt indes bereits gegeben.

Covid-19 als Katalysator – und Chance

Man sollte daher jetzt nicht den weiteren Fehler begehen und anhand von zwei – zugegebener Maßen großen und kurz hintereinander aufgetretenen – Skandalen den heimischen Kapitalmarkt weiterhin (und noch mehr als sonst schon) abschreiben, weil das mangelnde Vertrauen in die deutschen Unternehmen in der Vergangenheit jetzt bestätigt zu sein scheint. Ein solcher Kurs kann für die Wirtschaft nicht gut ausgehen, denn je geringer das Vertrauen der Bürger, desto geringer die Marktkapitalisierung und desto höher das Risiko eines wirtschaftlichen Misserfolgs oder einer ausländischen Kontrollübernahme unserer heimischen Key Player. Im Gegenteil: in der gerade jetzt herrschenden Covid-19-Pandemie bietet sich die Chance, das positive Momentum zu nutzen. Nicht das Hochfahren der Staatsbeteiligungsquote, wie wir es gerade erleben, ist die Lösung. Sie fördert nur eine utopische Rückwärtsorientierung in die Zeit der „Deutschland AG“ – mit angeblicher Vollbeschäftigung, günstigen Preisen und weniger Leistungsdruck. Der Staat hat viele gute Qualitäten; Unternehmertum gehört sicherlich nicht dazu, wie man am BER-Debakel eindrucksvoll verfolgen kann. Es ist daher höchste Zeit, sich von der aufflammenden linken Utopie des allgegenwärtigen Staates zu verabschieden, der auf alles eine Antwort hat und für alle sorgt – und unter dem Unternehmensskandale nicht vorkommen würden. Wichtig ist es jetzt vielmehr, das Vertrauen der Bürger in den eigenen Wirtschaftsstandort zu stärken – gerade jetzt nach Dieselskandal und Wirecard.


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